In Bethlehem dominieren neben der acht Meter hohen Mauer, die mitten durch die Stadt schneidet die religiösen Stätten eingehüllt in eine befremdliche touristische Nebelwand. Busweise werden Menschen herangekarrt, auf der Suche nach biblischen Schau-Plätzen und christlichen Ursprüngen. Es herrscht eine Energie, die mich in einen latent nervösen Zustand versetzt hat und ich kämpfte permanent gegen mein Bedürfnis, mich den Gewaltphantasien nicht auszusetzen und zu fliehen. Bethlehem ist aufgrund der Mauer mit den Wachtürmen so extrem, dass ich die ganze Zeit das Gefühl nicht los wurde, Statistin in einem der alten Nazi Filme zu sein.

Der immanent spürbare religiöse Fanatismus von Christen, orthodoxen Juden und Muslimen machte auch Jerusalem für mich zu einer Stadt, in der mir ständig übel war. Abgesehen davon, dass an jeder Ecke ein Maschinengewehr mit jugendlicher/m SoldatIn steht. Ich habe die Al-Quds University in Ostjerusalem kennengelernt, die direkt an der Mauer liegt. Der Plan der Israelis war, die Mauer durch die Universität zu ziehen und sie damit tot zu machen. Glücklicherweise hatte die Uni damals einen kampfstarken Philosophen als Rektor und mit Barack Obamas Hilfe, der während seines Ph.D. Studiums dort war, konnte der Plan abgewendet werden. Die Mauer verläuft jetzt genau rund herum, und man kann nicht an die Uni ohne einen Checkpoint zu passieren. Ein Freund von Mohammad hat mir auch die Uni in Bethlehem gezeigt, dort ist die Situation ein wenig entspannter, weil der Vatikan involviert ist. Ich hatte kurz überlegt, an einer der Unis mein Sprachenlernen fortzusetzen, aber trotz der wunderbaren Menschen, die ich dort kennen lernte, konnte ich mir einfach nicht vorstellen, mich dieser repressiven Situation auf Dauer auszusetzen. Mein Ausflug zu den schönen Märkten und den grünen Randbezirken Jerusalems hat an diesem Gefühl wenig geändert.

Nach all diesen Erfahrungen habe ich mich entschieden durch Israel zu fahren, da es mir immer schwerer gefallen ist, den Rassismus – und etwas Anderes ist es nicht in meinen Augen – zu verstehen und diesen nicht auf die Menschen zu übertragen. Ich muss ehrlich sagen, dass es mich körperliche Anstrengungen gekostet hat, mich in den Bus nach Tel Aviv zu setzen. Ich bin aber sehr froh darüber, den Schritt gemacht zu haben, denn Tel Aviv ist eine völlig andere Welt mit coolen Typen, Beach, New Business, Bauhaus, e-bike und e-board FahrerInnen – eine heilsame Gegenwelt zu Jerusalem. Ich war zunächst einmal völlig überfordert, habe zum ersten Mal seit drei Monaten ein kurzärmeliges Shirt angezogen und schöne Menschen dabei beobachtet, wie sie ihre Rassehunde am trendigen Boulevard Gassi geführt haben. Ich habe einige interessante Menschen kennen gelernt und konnte ein differenziertes Bild für mich entwickeln. Dazu gehörte auch ein Druse im Wüstencamp der Negev, der arabischer Herkunft ist aber mit einer Jüdin zusammenlebt, obwohl das gegen alle Anstandsregeln in seinem Heimatdorf verstößt. Nicht so sehr, weil sie Jüdin ist, sondern wegen dem vorehelichen Sex. Alles scheint hier so komplex und historisch verstrickt, dass ich mich immer wieder gefragt habe, was hier ein normales Leben sein kann.

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